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Unser Projekt "Kriegsende" - Absichten und Überlegungen zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren
Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Bretzenheim - Bretzenheimer erzählen
Die Bombenangriffe 0ktober und Dezember 1944 - Augenzeugenbericht von Arnold Malzer (geb. 1936)
Bretzenheimer Kriegsopfer - Zusammenstellung von Hans Vonderheit
Wer waren die Alliierten in Bretzenheim, damals im März 1945?
Unser Projekt "Kriegsende"
Absichten und Überlegungen zum Ende des 2. Weltkriegs in Bretzenheim
Kriegsende! Heute denken wohl die meisten von uns an den Krieg in der Ukraine, Wir wünschen den Menschen in der Ukraine, dass dieser Krieg für sie bald zu einem für sie akzeptablen Ende kommen möge!
Am 8. Mai 2025 jährt sich aber auch ein anderes Kriegsende, nämlich das Ende des 2. Weltkriegs vor genau 80 Jahren. Für die Älteren unter uns, deren Eltern oder Großeltern diesen furchtbaren Krieg sowie die Nazi-Zeit miterlebt haben, bekommt das Ende des 2. Weltkriegs durch den Ukraine-Krieg eine unheimliche Aktualität.
Heute gibt es kaum noch Zeitzeugen, die von den Erlebnissen, Gefühlen und Ängste unsere Vorfahren erzählen können. Wie haben sie sich mit der Nazi-Zeit arrangiert? Wie haben sie die Eroberung und Besetzung durch die alliierten Truppen erlebt? Wie kam es, dass aus „60 Millionen Nazis“ über Nacht „60 Millionen Opfer“ wurden? Was ist damals passiert? Wer waren die „Sieger“? Was ist mit unseren jüdischen Mitbürgern passiert?
Der Verein für Heimatgeschichte Bretzenheim und Zahlbach hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, mit vielen authentischen Dokumenten und noch lebenden Zeitzeugen der Beantwortung dieser Fragen möglichst nahe zu kommen. Einen ersten Eindruck bekamen wir von Dr. Heinz Speckert, bei Kriegsende 9 Jahre alt. Auch weitere Gespräche konnten wir führen, beispielsweise mit Frau Hannelore Jörg, selbst Vertriebene, die uns aber den Nachlass ihres Schwiegervaters Josef Jörg zur Verfügung stellte - er war 1942 gefallen. Dazu kam ein interessanter Bericht von Frau Annelore Cyrus über ihre Flucht aus Königsberg, die erst in Bretzenheim endete.
Wir recherchieren weiter und werden regelmäßig darüber berichten!
Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Bretzenheim
Bretzenheimer erzählen
Dr. Heinz Speckert
Dr. Heinz Speckert wurde 1936 in Bretzenheim geboren, er hat also die Kriegszeit als Kind miterlebt. Bei einem Ortstermin im Februar 2025 bei seinem Elternhaus gab er uns Gelegenheit, in Kriegs- und Nachkriegszeit einzutauchen.
Vorkriegszeit
Heinz Speckerts Vater hatte in dem Anwesen in der Wilhelmsstraße 42, in dem insgesamt 4 Familien ihre Häuser hatten, eine Wagner-Werkstatt. Bretzenheim bestand in diesen Jahren vorwiegend aus Bauernhäusern und Handwerksbetrieben, Kanalisation gab es im Ortszentrum noch keine, das Abwasser floss in den Rinnsteinen Richtung Zaybach. Als Toiletten dienten die klassischen „Plumpsklos“. Sie wurden in Jauchegruben entsorgt, regelmäßig wurde deren Inhalt von Bauern als Dünger aufs Feld gebracht. Im Winter froren die „Bächlein“ regelmäßig zu, ideal für Kinder wie dem kleinen Heinz zum „Schlittern“ oder sogar Schlittschuhlaufen. Auch Schlittenfahren war möglich, nämlich direkt neben dem Elternhaus die Röntgenstraße herunter. Es gab damals auch jüdische Nachbarn, die Häuser in der Bäckergasse bewohnten. An dieser Stelle gibt es heute mehrere Stolpersteine, unweit der Wilhelmsstraße. Einer der Jungen war Schulkamerad von Heinz. Er konnte sich an eines seiner Bonmots erinnern – in Anlehnung an die berühmte Ju-52 nannte er sich beim Rodeln scherzhaft Jud-52. Auch gab es damals – wie heute – soziale Brennpunkte, wie z.B. die als „Klein-Moskau“ bekannte Siedlung an der Draiser Straße. Zwischen den Kindern dort und den „normalen“ Kindern in Bretzenheim bestand eine klare Trennung und Gegnerschaft, bis hin zum Sport in der TSG. Die Arbeiterkinder betrieben Schwerathletik, das elegante Turnen wurde von den „normalen“ Kindern betrieben. In dieser Welt wuchs der kleine Heinz auf.
Kriegszeit
Die Kriegszeit bedeutete einen klaren Einschnitt in das Bretzenheimer Leben. Heinz‘ Vater, wie die Mehrzahl der anderen wehrfähigen Männer, wurde eingezogen. Nach den ersten Bombenangriffen 1941 bauten alle Nachbarn in der Wilhelmsstraße 42 einen gemeinsamen Bunker. Er war für 4 Familien ausgelegt und direkt nach hinten in den Hang hinein gebaut. Auch benachbarte Anwohner folgten ihrem Beispiel. Die Bunker wurden baulich miteinander verbunden, um im Extremfall einen Fluchtweg zu haben.
Der erste Bombenangriff 1941 verlief vergleichsweise glimpflich. Die Bombe fiel direkt auf die Wilhelmsstraße, genau auf die Einmündung der Röntgenstraße. Zwei Häuser wurden zerstört. Es gab dabei keine Toten. Weitere Bombenangriffe, vor allem 1944, waren schwerwiegender. Einmal fiel eine Bombe direkt neben den Bunkereingang der Familie Speckert. Der Bunker blieb intakt, jedoch wurde durch das Feuer der Sauerstoff schnell verbraucht. Heinz Speckerts Großmutter und eine Tante erstickten zusammen mit 3 weiteren Opfern. Heinz Speckert konnte zusammen mit anderen Kindern entkommen. Es fielen auch Bomben mit Langzeitzündern, auch direkt in den Hof seines Elternhauses. Kriegsgefangene mussten diese Bomben räumen.
Insgesamt fielen während des Krieges 5 Bomben auf Heinz Speckerts Elternhaus. Mit zunehmendem Bombenkrieg änderte sich das Alltagsleben. Beispielsweise wurde der Schulbetrieb immer wieder durch Bombenalarm unterbrochen. Heinz empfand sich dabei als "privilegiert", weil er bei Bombenalarm – wie andere nahe bei der Schule wohnenden Kinder - nach Hause durfte. Er musste 1942 allerdings auch miterleben, wie die jüdischen Nachbarn verhaftet und per LKW abtransportiert wurden.
Der Krieg zeigte Folgen in der Denkweise der Bretzenheimer. So ist beispielsweise seit 1943 kein Protokoll der Feuerwehr mehr zu finden. Auch die Kirchentagebücher der evangelischen Kirchengemeinde (heute die Philippus-Gemeinde) wurden seit 1944 nicht mehr geführt. Über die Gründe kann man nur spekulieren – vermutlich aus Furcht vor den Alliierten nach dem Krieg. Es war vielleicht auch die Wiederentdeckung des eigenen moralischen Gewissens.
Kriegsende
Das Kriegsende für Bretzenheim kam dann im März 1945. Heinz Speckert konnte sich noch erinnern, dass die US Army im Ober-Olmer Wald Station gemacht hatte, denn einige Nachbarskinder liefen heimlich hin, um zu sehen, was dort passierte. In diesen Tagen wurden auch die Jauchegruben wieder wichtig. Waffen sowie Hitler-Bilder oder andere „belastende“ Dokumente wurden dort hineingeworfen, damit die Sieger auch ja nichts Verdächtiges finden würden. Als die Amerikaner dann nach anfänglichem Artilleriefeuer in Bretzenheim einrückten, gab es keinen Widerstand. Die Bevölkerung hatte weiße Fahnen an die Fenster gehängt. Es gab zwar an der Kreuzung Essenheimer Straße zur Hinkelsteiner Straße eine Panzersperre, auch eine Flak-Stellung am Friedhof, diese waren aber nicht mehr bemannt.
Man kann aus der Erzählung von Heinz Speckert folgern, dass es in den Tagen vor dem US-Einmarsch keine deutsche Ordnung mehr gab – sonst hätten seine Kameraden kaum den Weg zum Ober-Olmer Wald gehen können.
Nachkriegszeit
Nach Einmarsch der Amerikaner wurden viele Wohngebäude konfisziert und die Familien in andere Gebäude evakuiert, beispielsweise in eine Gaststätte im Ortszentrum. Heinz und andere Kinder schliefen dort nachts im Keller auf den Kartoffeln. Etliche der als Besatzung zurückgelassenen GI’s machten abends regelrechte Jagd auf Frauen. So konnte auch eine Tante, damals 32 Jahre alt, nur knapp entkommen, als sie von einem GI unter dem Vorwand, den Bunker zu sehen, bedrängt wurde. Man warnte sich gegenseitig vor Vorfällen dieser Art. Wenn man einen GI sah, wurden Nachbarinnen durch Klopfen an die Hoftore gewarnt. Doch nicht immer war das erfolgreich.
Als dann im Juli die Amerikaner durch Franzosen abgelöst wurden, rückten marokkanische Soldaten in Mainz ein. Auch das war in Heinz Speckerts Erinnerung eine spannungsreiche Zeit. Sie waren von einer Kavallerieeinheit, die Pferde hatten sie in verschiedenen Höfen untergestellt. Beim Konfiszieren des Strohs kam es zu mancher kritischen Situation, wenn Verstecke für Waffen oder anderes unter dem Stroh zum Vorschein kamen.
Insgesamt kam es in der Nachkriegszeit wohl zu einer schnellen Normalisierung. Eine nette Anekdote, wie Heinz mit anderen Klassenkameraden verbotenerweise zu dritt auf einem Motorrad in die Innenstadt zum Kino fuhr, verrät beginnende Lebensfreude und die Lust, den Ordnungshütern ein Schnippchen zu schlagen. Nach seiner Entlassung stellte Heinz Speckerts Vater seine Wagner-Werkstatt auf Karosseriebau um. Diese Werkstatt gibt es heute noch, direkt oberhalb des alten Anwesens, mit Zufahrt von der Bert-Brecht-Straße / Ecke Röntgenstraße.
Frau Annelore Cyrus
Frau Cyrus ist Jahrgang 1935 und wuchs auf einem Hofgut in Ostpreußen in der Nähe der Stadt Goldap auf. Das ehemalige Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ war nicht weit entfernt. Ihr Vater, der dieses Gut besaß, hatte in der Kriegszeit Hilfe von einem belgischen Kriegsgefangenen, der ihrer Erinnerung nach gut behandelt wurde und quasi Familienangehöriger war. Ihr Vater wurde erst 1943 zum Volkssturm eingezogen. Frau Cyrus konnte sich an eine glückliche Kindheit erinnern, hatte ein gutes Verhältnis zu ihrem Vater und zu ihren Geschwistern (2 Schwestern, ein Bruder).
Frau Cyrus konnte sich auch gut an viele jüdische Geschäfte in Goldap erinnern, genauso wie diese eines Tages aufgelöst wurden und die jüdische Bevölkerung verschwunden war. Weder ihr Vater noch ihre Mutter sprachen darüber und unterbanden auch jede Diskussion in der Familie.
Im Oktober 1944 wurde die Familie vom örtlichen Gauleiter zur Flucht aufgefordert, mit wenigen Stunden Frist. Ihr Vater ging nicht mit Ihnen, er blieb bei der Truppe, gilt heute als vermisst und wurde später für tot erklärt. Die Flucht führte sie erst nach Elbing, wo sie erst am 2. Januar die Erlaubnis zur Weiterreise erhielten. Sie kamen als eine der letzten Gruppen über die Weichselbrücke, die hinter ihnen gesprengt wurde. Die Flucht führte sie weiter über Danzig, Rostock, Hamburg bis Stade. Dort wurde ihr belgischer „Kriegsgefangener“ ihr Lebensretter, als sie drohte von englischen Soldaten vergewaltigt zu werden
Frau Cyrus ging in Stade zu Schule. Sie erinnert sich daran, dass sie sich immer als Flüchtlinge fühlten, man hat sie das immer spüren lassen. Ihre Mutter war ihr kaum noch Hilfe durch die Traumatisierung, mit 36 ihren Mann verloren zu haben. 1952 ging sie zu einer Tante – ebenso Flüchtling aus Königsberg - die in Gießen untergebracht war. Frau Cyrus machte in Gießen eine Berufsausbildung zur Erzieherin. Danach zog sie zu wieder zu ihrer Mutter, die mittlerweile mit Frau Cyrus‘ älteren Bruder in Bad Kreuznach wohnte. Ihre erste Einstellung war in Bad Münster am Stein. Danach wurde sie Kita-Leiterin in der Altmünster-Gemeinde in Mainz, lernte dort ihren späteren Mann kennen (geborener Trierer) und zog dann mit ihm nach Bretzenheim. Erst in Mainz konnte sie sagen, dass sie sich nicht mehr als „Flüchtling“ fühlte.
Frau Hannelore Jörg
Frau Annelore Jörg ist die Schwiegertochter von Josef und Anni Jörg, die beide während des Krieges in Zahlbach wohnten. Sie war mit dem Sohn Norbert verheiratet. Frau Jörg stammt selbst aus Stettin und war Vertriebene, sie kam über Norddeutschland letztendlich in den Kreis Alzey, wo sie ihre Schulausbildung abschloss, und später ihren Mann kennenlernte und mit ihm nach Bretzenheim zog.
Frau Jörg stellte uns eine Reihe von Dokumenten aus dem Nachlass Ihres Mannes zur Verfügung, u.a. Feldpostbriefe ihres Schwiegervaters, Lebensmittelmarken der Kriegszeit und verschiedene Fahrkarten nach Russland aus der Kriegszeit. Erschütternd war die simple Todesnachricht von Josef Jörg, eine einfache Retoure eines Briefs an ihn mit dem Vermerk „gefallen für Großdeutschland, zurück an Absender“.
Unsere Vermutung ist, basierend auf den noch erhaltenen Fahrkarten Richtung Russland (Bahnhof Karatschew) und dem Datum Dezember 1942, dass Josef Jörg während der Schlacht um Stalingrad gefallen ist.
Die Bombenangriffe 0ktober und Dezember 1944
Augenzeugenbericht von Arnold Malzer, Jahrgang 1936
Arnold Malzer hinterließ einen Augenzeugenbericht über die Bombenangriffe auf Bretzenheim von Oktober und Dezember 1945. Obwohl sehr sachlich verfasst, lassen sich die traumatischen Erlebnisse des damals 8-jährigen Kindes gut nachvollziehen. Das Dokument ist nachstehend verlinkt.
Die Kriegsopfer von Bretzenheim 1939 - 1945
Zusammenstellung von Hans Vonderheit
Hans Vonderheit hat in den Nachkriegsjahren bis 1957 mit intensiven Recherchen die Kriegsopfer in Bretzenheim zusammengestellt. Das Dokument ist leider zu umfangreich für unsere Website, um es hier zu verlinken.
Interessant sind allerdings die Opfer des 21. März 1945, dem Tag der Befreiung von Bretzenheim. Entgegen den Erinnerungen von Dr. Heinz Speckert und den wenig aussagekräftigen Dokumenten der US-Army sind an diesem Tag 25 Männer im Alter zwischen 21 bis 60 Jahren gefallen. Die Liste dieser Opfer ist nachstehend verlinkt.
Wer waren die Alliierten in Bretzenheim?
Die Eroberung von Mainz aus Sicht der 90. US Infanterie Division
Der westliche Teil Deutschlands bis zum Rhein wurde 1945 in der sog. „Operation Undertone“[1] erobert. Innerhalb von nur 12 Tagen, vom 12. - 24. März 1945, kämpften sich die alliierten Truppen von den Ardennen bis zum Rhein. Dabei wurde die 1. und 7. deutsche Armee komplett aufgerieben, 90 000 Soldaten gingen in Gefangenschaft, 113 000 wurden getötet.
Die US-Truppeneinheit[2], die Mitte März auf Mainz vorrückte, war die 90. Infanterie-Division, die seit der Landung in der Normandie (Utah Beach) am 06. Juni 1944 ununterbrochen im Kampfeinsatz war. Die Soldaten hatten den Spitznamen „Tough´Ombres“ (harte Kerle) – abgeleitet von ihrem Truppenzeichen T/O und der Herkunft ihrer Soldaten vorwiegend aus Texas und Oklahoma.
Bis zum 20. März hatte ihr 3. Bataillon (358. und 359. Infanterie-Regiment), aus Richtung Bad Kreuznach kommend, Quartier im Ober-Olmer Wald bezogen. Am 21. März begannen sie nach anfänglichem Artilleriefeuer den Vormarsch über Bretzenheim und Hechtsheim nach Mainz. In der Stadt trafen sie allerdings noch einen Tag lang auf deutsche Gegenwehr ("stiff resistance"), erreichten aber am Nachmittag des 22. März den Rhein. Bretzenheim selbst erwähnt der sonst sehr detaillierte Bericht nicht, dort blieb offenbar alles ruhig.
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Undertone
[2] XII Corps, Spearhead of Pattons 3rd Army https://cgsc.contentdm.oclc.org/digital/collection/p4013coll8/id/3147

Kriegsende in Bretzenheim
Vortrag von Dr. Benno Ganser am 20.11.2025
Dr. Benno Ganser fasste das Ergebnis seiner Recherchen in einem Vortrag zusammen, den er am 20.11.2025 im Saal der AWO im Dantehaus in Mainz-Bretzenheim hielt. Die Präsentation des Vortrags ist nachfolgend verlinkt.


