Bretzenheimer Milchmädchen im 19. Jahrhundert ...

... politischer als gedacht

Am 21. März nahmen mehr als fünfzig Bretzenheimer an der Führung „Wege zu Demokratie und Freiheit“ teil. Die Veranstaltung des Vereins für Heimatgeschichte Bretzenheim und Zahlbach fand im Rahmen des Tages der Demokratiegeschichte statt. Durchgeführt wurde sie von Axel Lischewski, der eine Fülle interessanter Informationen bot, oft verpackt in einer spannend erzählten Geschichte. An einer Stelle horchte ich besonders auf.

Vor dem Gebäude der Turn- und Sportgemeinde (TSG) hörten wir einen aufregenden Vortrag über die ersten Vereine, die in Bretzenheim gegründet wurden. Es begann 1838 mit dem Leseverein, gefolgt von dem Männergesangsverein, dem Kranken- und Sterbeverein und vielen anderen. 1846 schließlich formierte sich die Turnsportgemeinde. In dieser Zeit waren alle Vereine politische Akteure, Zusammenschlüsse gegen die Obrigkeit, eingebunden in überregionale Strukturen.

Die männliche Dominanz bei den frühen Vereinen verwunderte mich nicht. Aber dass gerade der Leseverein den Männern vorbehalten war, ärgerte mich. Doch Axel Lischewski fügte hinzu, dass es auch etwas für Frauen gab - Lesekränzchen. Sofort dachte ich an Zusammenkünfte bürgerlicher Damen und Fräuleins zur gemeinsamen Lektüre erquicklicher Romane und vortrefflicher Gedichte. Doch darum ging es nicht. Gemeint waren abendliche Treffen der Milchmädchen. Da trieb mich die Frage um: Wer waren die Milchmädchen?

Wenig überraschend gibt es weder eine Studie noch einen historischen Roman über die Bauerstöchter und Mägde, die noch bis in die 1930er Jahre schwere Milchkannen in die Stadt trugen. Hier und da werden sie erwähnt – am Rande.

Augustin Bender (1812-1891), Bauer, Modernisierer und Demokrat, erwähnt sie in seinem Aufsatz „Landwirthschaftliche Ortsbeschreibung der Gemeinde aus dem Jahre 1855“, abgedruckt in „1250 Jahre Bretzenheim“. Auf der Clubistenschanze, damals eine militärische Anlage, oberhalb des Zahlbacher Steiges stehend, schildert er:

„Von hier aus führt ein Fußweg, der sogenannte Milchpfad, an dem Römerkirchhof und Zahlbach vorüber zu dem Orte selbst, auf welchem dem Wanderer früh morgens die frisch blühenden und reinlich gekleideten Milchmädchen, gewiss eine angenehme Begegnung sind.“

Er erwähnt noch, dass der Milchverkauf in die Stadt „von den hiesigen Frauen mit außerordentlicher Liebe und Reinlichkeit besorgt wird“.

Ich staune. Reinlichkeit und Frische, also wohl ein insgesamt adrettes Auftreten, spielten offenbar eine große Rolle. Da frage ich mich, wie die jungen Mädchen es schafften, durchgehend, insbesondere auf dem Rückweg, noch frisch und blühend auszusehen. Die Kannen waren schwer. Der Weg über Milchpfad und Zahlbacher Steig bis zum Gautor ist lang. Und dann hatten die Milchmädchen ihr Ziel noch nicht erreicht. Sie liefen quer durch die Stadt zu Privatleuten, Gaststätten, Spitälern, Hotels. Eine Sammelstelle existierte im 19. Jahrhundert noch nicht. Einige Wege waren sogar noch länger. Heinz Dang - sein Vater betrieb nach dem Zweiten Weltkrieg die Milchsammelstelle im Tiefentaler Weg - erzählte mir, dass seine Oma, so um 1900, die Milch bis nach Drais ins Kloster trug. 

Und da war noch eine Sache, über die Axel Lischewski gesprochen hatte, die mich nicht losließ. Die Milchmädchen interessierten sich für Neuigkeiten. Bei ihren Gängen durch die Stadt sammelten sie Informationen und nicht nur den Tratsch. Sie hörten sich auch nicht nur um, sondern besorgten sich Material, wahrscheinlich die Medien, die in dieser Zeit der Bevölkerung am einfachsten zugänglich waren. In erster Linie handelte es sich dabei um Einblatt‑Drucke wie Bilderbögen und Flugblätter mit religiösen und politischen Inhalten. Kolporteure verkauften diese „Veröffentlichungen“ an Privat – und Geschäftsleute, Hotels und Gaststätten. Ich gehe davon aus, dass einige politische Organisationen wie beispielsweise Vereine sowie kirchliche Einrichtungen entsprechendes Material auch verteilten. 

Da überlege ich mir, wie das wohl abgelaufen ist. Aufzeichnungen habe ich nicht gefunden, aber es gibt Situationen des täglichen Lebens, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit früher nicht anders gehandhabt wurden als heute. Ich stelle mir vor, dass den Milchmädchen Flugblätter überlassen wurden. Mitunter haben sie wohl auch solche aufgehoben, die andere weggeworfen hatten. Hinweise gibt es darauf, dass die Milchmädchen auf dem Rückweg nach Bretzenheim über das, was sie an Neuigkeiten erfahren hatten, redeten. Und damit nicht genug. Bei abendlichen Treffen lasen sie die Texte gemeinsam und sprachen darüber. Alles in allem eine gänzlich andere Art von „Lesekränzchen“, eine Möglichkeit, sich zu informieren und eine politische Meinung zu bilden unter schwierigen Rahmenbedingungen. 

Womit haben wir es hier zu tun? Mit einer Situation, in der nicht privilegierte Frauen in einer männlich dominierten Gesellschaft sich ihren politischen Raum „im Kleinen“ schufen. Alle Achtung! Ich muss zugeben, dass ich sehr beeindruckt bin.

Meine Gedanken kreisen, meine Fantasie geht ein wenig mit mir durch. Wie kann ich mir eine Unterhaltung auf dem Rückweg von Mainz vorstellen? Dazu lege ich mich – nur mal so - auf ein Datum fest. Inspiriert von der Führung entscheide ich mich für einen Tag im Mai im Jahre 1848.

Dieses Jahr hatte es in sich. Napoleon war zwar besiegt, doch die Ideen, die er gestreut hatte, waren es nicht. Mehr und mehr ging es dem Volk um Grundrechte und die endgültige Abschaffung der Ständegesellschaft. Es folgten Konfrontationen zwischen Landesherren und sich organisierenden Untertanen, den Demokraten, Liberalen oder Revolutionären, je nachdem aus welcher Perspektive sie betrachtet wurden. 

In Mainz ging es im Mai 1848 hoch her, so wie im gesamten Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Unter dem Vorsitz von Dr. Franz Zitz hatte eine Bürgerversammlung einen Forderungskatalog beschlossen und dem Großherzog vorgelegt. Der stimmte zu, aber der König von Preußen, dem eine Schlüsselrolle zukam, tat es nicht. In der Folge kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen preußischen Soldaten und Bürgerwehren. Die Ereignisse in Berlin beeinflussten das, was in der Provinz geschah. Auch in Manz waren preußische Soldaten stationiert, in der Bundesfestung. 

Am 10. Mai entstanden in einem Bretzenheimer Wirtshaus Tumulte, als übermütige preußische Soldaten ihre Säbel blankzogen. Am 11. Mai gründeten Dr. Franz Zitz, Dr. Ludwig Bamberger und August Scheppler in Mainz den Demokratischen Verein. Kurz danach geschah dies auch in Bretzenheim unter der Rigide von Bartholomäus Schmitt und Augustin Bender.

Am 18. Mai versammelten sich die Vertreter des ersten frei gewählten deutschen Parlaments in der Frankfurter Paulskirche, um eine demokratische Verfassung für einen freien geeinten deutschen Nationalstaat zu erarbeiten. „Frankfurter Nationalversammlung“ und „Paulskirchenverfassung“ sind Eckpfeiler im bewegten 19. Jahrhundert.

 

Ich überlege mir, worüber zwei Milchmädchen, die am 12. Mai 1848 aus der Stadt zurückkehrten, sich unterhalten haben könnten. Der demokratische Verein für Bretzenheim war noch nicht gegründet und die Nationalversammlung in der Paulskirche hatte noch nicht stattgefunden. Aber Veränderung lag in der Luft und in ihrem Gepäck hatten sie hoch spannende Neuigkeiten …

 

Magda und Paula

An diesem recht warmen Freitag im Mai schwitzen die beiden Mädchen. Die weißen Schürzen sind nicht mehr so frisch und weiß wie die Bäuerin es gerne hätte. Unter den adretten Hauben stehen ihnen Schweißperlen auf der Stirn. Sie sind schon lange auf den Beinen. In der Früh sind sie den Milchpfad entlanggelaufen, über Zahlbach und die Clubistenschanze bis zum Gautor. In der Stadt eilte die eine Richtung Münstertor, die andere Richtung Liebfrauenplatz. Mittlerweile befinden sie sich wieder auf dem Heimweg nach Bretzenheim. 

Auf der Höhe des Ausflugslokals Lindenmühle setzt Paula stöhnend die beiden Kannen ab und sagt: „Bleib mal stehen, Magda.“

Ihre Gefährtin nickt und tut es ihr gleich. Schweigend wischen sie sich den Schweiß von der Stirn, genießen den aufkommenden leichten Wind. Eine Wohltat! Dabei gleitet ihr Blick zu dem Ausflugslokal, in dem bereits reges Treiben herrscht. 

„In der Lindenmühle ist viel mehr los als sonst“, wundert sich Magda.

„Ja“, bestätigt Paula. „Das ist seltsam. Die Mainzer Ausflügler kommen doch erst morgen Nachmittag.“ In Gedanken fügt sie stumm in hinzu: Auch in der Stadt war viel mehr Betrieb als sonst. 

Da reißt Magda sie aus ihren Überlegungen: „Paula, da kommt der Kirchner!“

Wortlos rauscht der hochgewachsene Mann an ihnen vorbei, ganz entgegen seiner üblichen höflichen Art. Etwas verdattert machen Paula und Magda einen Kicks und sagen gleichzeitig: „Guten Tag, Herr Ortsvorsteher!“ Doch der reagiert nicht. Sie richten sich wieder auf und schauen ihm mit großen Augen hinterher.

„Heute haben es alle eilig“, meint Magda kopfschüttelnd.

Da gibt Paula ihr recht. Alle sind aufgeregt, in der Luft liegt noch mehr Spannung als sonst in diesen bewegten Tagen. Dann fällt ihr etwas ein: „Magda, hast du noch das Flugblatt, das uns der Hausierer vor dem Heilig-Geist-Spital gegeben hat?“

„Nein!“ Magda klingt aufgebracht. „Das hat die Bertha mitgenommen. Die will es dem Jean geben, ihrem Borsch. Der geht ja heute Abend zum Ditt.“

Ja, denkt Paula grimmig, so ist die Bertha. Im Wirtshaus vom Ditt, wo sich die Männer zum Debattieren und Freiheitslieder singen treffen, kann der Jean dann auftrumpfen mit den Flugblättern, die ihm seine Freundin zugesteckt hat.

„Zum Glück habe ich das Flugblatt gelesen“, schiebt Magda mit Betonung hinterher.

In Paulas Ohren klingt das ein wenig angeberisch. „Was steht drin?“, fragt sie ungehalten. 

„Alles in allem das, was uns der Kellner vom Hotel Stadt Frankfurt erzählt hat.“ Magda wirft ihr einen herausfordernden Blick zu, bevor sie endlich fortfährt: „Also der Dr. Franz Zitz …“

Wieder eine Pause. Paula merkt, wie ihr die Galle hochkommt. Immerhin ist der Franz Zitz eine stadtbekannte Persönlichkeit. Er hat die Forderungen der Mainzer Demokraten im hessischen Landtag vorgetragen und ist mit einer Gruppe zum Großherzog marschiert, um ihm die Forderungen vorzulesen. Außerdem führt er die Mainzer Bürgerwehr an. „Was denn?“, keift sie. „So rede doch!“

Magda rümpft die Nase und erwidert triumphierend: „Er hat einen de-mo-kra-tischen Verein gegründet, zusammen mit dem Bamberger und dem Scheppler.“

Da japst Paula nach Luft. Das verschlägt ihr die Sprache. Was wird wohl als Nächstes geschehen? Auf jeden Fall wird es heute Abend in den Bretzenheimer Wirtschaften hoch hergehen.

„Meine Güte“, sagt Magda und ihre Stimme klingt wieder normal. „Was ist in den letzten zehn Tagen alles passiert! Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, dass wir den Maibaum geschmückt und ausgelassen getanzt haben.“ 

Unwillkürlich nickt Paula. Da hat ihre Gefährtin recht. In diesem Augenblick kommt ihr ein Gedanke. Als sie Magda direkt ansieht, stellt sie fest, dass die sie aus zusammengekniffenen Augen fixiert.

Denkst du, was ich denk?“, presst Paula hervor.

„Ich denk schon“, erwidert Magda. „Es wird nicht lange dauern, bis der Baddel Schmitt und der Augustin Bender so einen Verein auch in Bretzenheim gründen.“

„So ist es!“, stimmt Paula zu. „Und darüber reden wir heute Abend bei der Bertha.“ 

Immer noch blicken sie sich unverwandt an. Die abendlichen „Lesekränzchen“ der Bretzenheimer Milchmädchen dienen nicht nur dazu, die Neuigkeiten aus der Stadt zu besprechen. Nein, dabei bilden sie sich auch eine Meinung, eine politische Meinung, die sich mitunter von der der Männer deutlich unterscheidet. Und deshalb suchen die Mädchen immer eine Gelegenheit sich einzubringen … 

„Wir müssen überlegen …“, beginnt Magda.

„… wie wir es den Knechten und unseren Verlobten begreiflich machen“, beendet Paula den Satz und grinst. 

„Ohne dass sie es merken“, ergänzt Magda und grinst ebenfalls.

 

Carolin Olivares 

(Mai 2026)

 

Nachschlagewerke:

„Bretzenheimer Beschreibungen“ 

Verein für Heimatgeschichte Bretzenheim und Zahlbach e.V. (Hrsg.): „1250 Jahre Bretzenheim“, 2002

Schenda, Rudolf: Volk ohne Buch, 1977

 

 

Foto aus "1250 Jahre Bretzenheim", S. 130: Das Bretzenheimer Milchmädchen Lina Hartmann auf dem Mainzer Flachsmarkt unterwegs zu Kunden. Heute ist sie 93 Jahre alt. (Aufnahme von 1928) / Foto aus dem Besitz von Heinz Dang: Milchkannen in der Kühlkammer, ca. 1950.

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